Wenig bekannt ist es heutzutage, daß der Julkranz, wie wir ihn heute wieder in die Stuben tragen, weit tiefer in die Wurzeln unseres Volkes reicht, als so mancher ahnt. Viel älter als der bürgerliche Adventskranz, der erst im Jahre 1839 in Hamburg, als Zeichen christlicher Vorfreude entstand, ist der Julkranz – das lebendige Erbe der Ahnen. Gewoben aus Immergrün, Hoffnung und dem Zauber der dunklen Zeit.
Joachim Sondern
In jenen Tagen, da der Wind die Bäume entblättert und das Licht sich zusehends dem Untergang neigt, versammelten sich die Frauen und Kinder des Stammes vier Wochen vor dem heiligen Julfeste in den Wäldern. Sie sammelten, was immer die Natur noch zu schenken vermochte: Efeu und Buchsbaum, Eibe, Fichte, Mistel, Tanne, Stechpalme, Kiefer und Wacholder. Diesen immergrünen Zweigen schrieb man nicht nur Zähigkeit, sondern auch schützende, heilende Kräfte zu – waren sie doch Sinnbild dafür, daß Leben und Hoffnung auch im tiefsten Winter nicht sterben.
So flocht man im Schein des Herdes den Kranz – nicht bloß als schmückendes Beiwerk, sondern als magischen Kreis, in den jeder seine Wünsche, Sehnsüchte und Träume für das kommende Jahr hineinwob. Das Binden selbst war ein stilles Ritual, ein Akt des Innehaltens und Hoffens, in dem Gemeinschaft und Zukunft miteinander verwoben wurden.
Anders als der christliche Brauch es kennt, zieren den Julkranz fünf Kerzen. Vier an seinem Rande, eine – die fünfte, meist weiße Kerze – in der Mitte. Sie gilt als Sinnbild für das wiederkehrende Licht, für die Geburt der Sonne, für das unbesiegbare Leben. Von Woche zu Woche, beginnend etwa am 23. November, entzündet man alle vier äußeren Kerzen zugleich. Doch mit jeder neuen Woche erlischt eine Flamme, so daß, je näher das Julfest rückt, das Licht schwächer und die Dunkelheit spürbarer wird.
Erst wenn am heiligen Tag, zur Wintersonnenwende, das alte Jahr zu Ende sinkt, wird mit der Julkerze aus dem vergangenen Jahre die neue Mittkerze entfacht – und mit ihr leuchten wieder alle Kerzen auf dem Kranz. Dieses strahlende Licht im Kreise symbolisiert den Sieg des Lebens über den Tod, das Erwachen der Sonne und die Verheißung neuer Tage. Denn von nun an werden die Nächte kürzer, das Licht kehrt zurück und mit ihm die Hoffnung auf Wachstum und Freude.
Doch was bliebe vom alten Brauch, wenn wir ihn nicht lebendig hielten, wenn wir das Ritual nicht im Herzen tragen und ihm seinen Platz in unserer Gegenwart einräumen? Der Julkranz ist weit mehr als ein Zierat auf dem Tische – er ist ein Band der Generationen, ein Vermächtnis, das unser Blut, unser Fühlen, unser Streben durchdringt. Wo im Schein der Flammen die Sippe einander näher rückt, wird offenbar, daß echte Volksgemeinschaft nicht im Worte, sondern im Tun besteht: im gemeinsamen Erleben, im Bewahren der Ahnenkraft, im Bekenntnis zum alten Glauben, der die Seele wärmt, wenn draußen Frost und Dunkel herrschen.
Jede Kerze, die erlischt, ist Mahnung wie Verheißung zugleich: Das Licht mag schwinden, doch nie verlöscht es gänzlich, solange Hände sich zum Kranzbinden finden, solange einer das Feuer der Hoffnung hütet und weiterträgt. Im Glanze des Julkranzes liegt das stille Versprechen, daß alles Dunkel vergeht, wenn Menschen sich rückbesinnen, wenn sie dem Alten Treue schwören, wenn sie den Zauber der Nacht als Beginn des neuen Lichtes begreifen.
So ist der Julkranz unser Schwur an das Leben selbst, an die Gemeinschaft, an das Erbe der Ahnen. Er fordert uns auf, das überlieferte Wissen nicht im Staube der Geschichte verkommen zu lassen, sondern es zu beleben, zu ehren und mit Geist und Herz weiterzureichen. Denn nur dort, wo das Licht des Ursprungs brennt, wo die Sinne offen sind für die Weisheit der Alten, kann das Neue geboren werden.
Lasset uns also den Julkranz nicht nur als Symbol, sondern als lebendige Tat begreifen – als Zeichen einer Heimkehr zum Ursprünglichen, als Kraftquell in finstrer Zeit und als Brücke hinüber zu den kommenden Tagen, an denen das Licht von neuem ersteht.
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