Man muß es Friedrich Merz lassen: Er kennt sich aus mit Arbeit. Zumindest mit jener Form von Arbeit, die in klimatisierten Vorstandsetagen stattfindet, zwischen PowerPoint-Folien, Beraterpapieren sowie diskreten Lobbygesprächen. Wenn ein Mann, der seit Jahrzehnten zwischen Aufsichtsräten, Finanzvehikeln und Renditeerwartungen pendelt, dem deutschen Arbeiter erklärt, er arbeite „zu wenig“, dann ist das keine Arroganz – das ist gelebte Satire.
Joachim Sondern
Friedrich Merz verkündete, der Deutsche müsse mehr leisten. Dafür schafft seine Regierung Anreize, wodurch sie zunächst den Weg der Freiwilligkeit gehen. Nun, irgendwie stört da das Wort „zunächst“ – aber sicher nur so ein verschwörungstheoretischer Gedanke. Vierzig Stunden Woche seien offenbar nicht genug, um dieses Land am Laufen zu halten. Man fragt sich unweigerlich: Für wen eigentlich? Für den Krankenpfleger im Schichtdienst? Für die Kassiererin mit Rückenschmerzen? Für den Handwerker, dessen Knie mit fünfzig klingen wie ein alter Dachstuhl? Oder doch eher für jene abstrakten „Märkte“, die niemals müde werden, niemals schlafen und niemals genug bekommen?
Währenddessen zeigen Länder wie Island seit Jahren, daß eine Vier-Tage-Woche mit sechsunddreißig Stunden nicht nur ausreicht, sondern Produktivität steigert, Krankenstände senkt sowie Lebensqualität zurückbringt. Aber was weiß Island schon? Es hat keine BlackRock-Berater im Kanzleramt, keine Renditeformeln für menschliche Erschöpfung und offenbar auch kein Interesse daran, seine Bevölkerung wie eine Verschleißmaschine zu behandeln.
Der neue Kanzlerstil ist damit klar umrissen: Arbeiten bis zum Umfallen, aber bitte effizient. Familie, Gesundheit, seelische Stabilität gelten als weiche Faktoren, die in keiner Bilanz auftauchen. Wer nach weniger Arbeitszeit fragt, gilt als faul. Wer Erholung fordert, als Leistungsverweigerer. Wer Leben über Arbeit stellt, gilt als Gefahr für den Standort. So spricht nicht ein Volksvertreter, so spricht ein Personalchef im Auftrag fremder Interessen.
Besonders pikant wirkt diese Forderung aus dem Munde eines Mannes, der den Begriff „Arbeit“ offenbar nur noch aus PowerPoint-Überschriften kennt. Wer nie morgens um fünf aufgestanden ist, um bei Regen auf einer Baustelle zu stehen; wer keine Nachtschichten geschoben hat, keine Akkordarbeit kennt, keine chronische Müdigkeit, keine kaputten Bandscheiben – der sollte mit Belehrungen vorsichtig sein. Doch Vorsicht ist keine Tugend dieser neuen Führungsklasse.
Stattdessen wird Moral gepredigt: Der Deutsche sei träge geworden, heißt es. Dabei ist er schlicht erschöpft. Jahrzehntelange Abgabenlast, steigende Preise, schrumpfende Kaufkraft sowie ein politisches Dauerfeuer aus Verzichtsappellen haben ihren Tribut gefordert. Doch anstatt die Ursachen zu benennen, wird der Druck erhöht. Nicht das System ist falsch, Politiker inkompetent, nein – der Mensch arbeitet zu wenig.
So entsteht das Bild eines realitätsfremden Kanzlers, der glaubt, Produktivität lasse sich durch Druck erzeugen wie Kohle im Bergwerk. Daß moderne Gesellschaften andere Wege gehen könnten, interessiert nicht. Denn wer von Rendite lebt, empfindet Zeit nicht als kostbar. Zeit ist für ihn eine Ressource der anderen.
Wenn jene, die vom Arbeiten anderer leben, beginnen, diesen anderen Faulheit vorzuwerfen, dann hat sich etwas Grundlegendes verschoben. Dann ist nicht der Arbeitstag zu kurz, sondern die Distanz zur Realität zu groß.
Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger über Mehrarbeit zu reden und mehr darüber, was Arbeit eigentlich bedeutet. Nicht in Bilanzen, sondern im Leben. Nicht in Stunden, sondern in Würde. Aber dafür müßte man wissen, wovon man spricht. Und genau daran hapert es gewaltig, Herr BlackRock-Kanzler.
Sollten sich reale Zustände wiedererkennen lassen, ist dies ein bedauerlicher Zufall. Verantwortung für Erkenntnisse wird nicht übernommen.
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